IDW S 6 ist der fachliche Standard des Instituts der Wirtschaftsprüfer für die Erstellung von Sanierungskonzepten. Er ist faktisch der Branchenstandard in Deutschland. Banken, Gerichte, Insolvenzverwalter, Wirtschaftsprüfer — alle arbeiten damit. Wenn ein Sanierungskonzept als fundiert gelten soll, muss es IDW-S-6-konform sein.

Was IDW S 6 regelt

Der Standard beschreibt, welche Anforderungen an ein Sanierungskonzept zu stellen sind. Er ist keine Vorschrift — niemand muss ihn anwenden. Aber er ist das gemeinsame Verständnis der Branche, und wer davon abweicht, muss erklären warum.

Die acht Anforderungen an ein IDW-S-6-Konzept

  1. Darstellung und Analyse des Unternehmens
  2. Analyse der Krisenstadien und -ursachen
  3. Leitbild des sanierten Unternehmens
  4. Maßnahmen zur Bewältigung der Krise und zur Abwendung der Insolvenz
  5. Integrierte Planungsrechnung (GuV, Bilanz, Liquidität)
  6. Krisenursachengerechte, ausgewogene Maßnahmen
  7. Positive Fortführungsprognose
  8. Zustimmung der Stakeholder (Gesellschafter, Banken, wichtige Gläubiger)

Die sechs Krisenstadien als Grundlage

IDW S 6 definiert sechs aufeinander folgende Krisenstadien. Ein Sanierungskonzept muss zuerst feststellen, in welchem Stadium sich das Unternehmen befindet. Das ist der Ausgangspunkt für alle weiteren Überlegungen.

StadiumKernmerkmalTypische Dauer
1. StakeholderkriseKonflikte zwischen wichtigen Beteiligten6-24 Monate
2. StrategiekriseGeschäftsmodell verliert Tragfähigkeit12-36 Monate
3. Produkt-/AbsatzkriseUmsatzrückgang wird sichtbar6-18 Monate
4. ErfolgskriseVerluste, Eigenkapital sinkt6-24 Monate
5. LiquiditätskriseSubstanz zu Ende, Zahlungen knapp3-12 Monate
6. InsolvenzreifeEin Insolvenzgrund ist eingetretenAntragspflicht läuft

Was das Konzept konkret enthält

1. Unternehmensanalyse

Historische Entwicklung über die letzten 3-5 Jahre. Geschäftsmodell. Markt, Wettbewerb, Kunden, Lieferanten. Organisation, Personal, IT. Das ist das Fundament — ohne es bleiben alle weiteren Aussagen leer.

2. Krisenstadium und Krisenursachen

Welche Krisenstadien wurden durchlaufen? Was waren die Auslöser? Typische Ursachenkomplexe:

3. Leitbild des sanierten Unternehmens

Wie sieht das Unternehmen nach erfolgreicher Sanierung aus? Umsatz, Margen, Mitarbeiterzahl, Geschäftsmodell, Wettbewerbsposition. Das Leitbild ist der Fixpunkt — alle Maßnahmen müssen auf ihn hinlaufen.

4. Sanierungsmaßnahmen

Das Herzstück des Konzepts. Jede Maßnahme mit: Verantwortlichem, Zeithorizont, finanzieller Wirkung. Typische Maßnahmenkategorien:

5. Integrierte Planungsrechnung

Plan-GuV, Plan-Bilanz und Plan-Liquidität für den Sanierungszeitraum (üblich: 3 Jahre). Die drei Rechnungen müssen aufeinander abgestimmt sein — keine Planungs-GuV, die in der Bilanz nicht verarbeitet wird.

"Ein IDW-S-6-Konzept ohne integrierte Planungsrechnung ist kein Sanierungskonzept. Es ist eine Wunschliste."

6. Positive Fortführungsprognose

Am Ende des Konzepts muss die Aussage stehen: Das Unternehmen ist nach Umsetzung der Maßnahmen nachhaltig sanierungsfähig und wettbewerbsfähig. Diese Aussage ist die Kernaussage des Gutachtens — und sie wird von Banken, Gerichten und Gläubigern als Entscheidungsgrundlage verwendet.

Wer erstellt ein IDW-S-6-Konzept

In der Regel Wirtschaftsprüfer, spezialisierte Unternehmensberater oder ein Team aus beiden. Rechtsanwälte sind selten ausreichend — die BWL-Seite überfordert fast immer.

Zeitaufwand und Kosten

Ein vollständiges IDW-S-6-Konzept für ein mittelständisches Unternehmen dauert 6-12 Wochen und kostet zwischen 25.000 und 80.000 Euro netto. Bei größeren Unternehmen auch deutlich mehr. Das ist kein Luxus — es ist der Aufwand, der anfällt, wenn man es ehrlich macht.

Stolperfalle: Es gibt Anbieter, die IDW-S-6-Konzepte für 5.000 oder 8.000 Euro anbieten. Das kann funktionieren, wenn das Unternehmen sehr klein und übersichtlich ist. Bei einem typischen Mittelständler mit 30 Mitarbeitern ist das zu wenig — das Ergebnis wird der Prüfung durch Banken nicht standhalten, und Sie zahlen am Ende doppelt.

Wann ein IDW-S-6-Konzept gebraucht wird

  1. Bei Kreditverlängerungen in der Krise: Banken verlangen es ab einer bestimmten Engagement-Größe regelmäßig
  2. Als Grundlage für StaRUG oder ESUG: Der Restrukturierungsplan bzw. Insolvenzplan baut auf dem Sanierungskonzept auf
  3. Für Gesellschafterentscheidungen: Bei Kapitalmaßnahmen oder Beteiligungsänderungen
  4. Für externe Investoren: Turnaround-Investoren verlangen das als Due-Diligence-Grundlage
  5. Haftungsentlastung des Geschäftsführers: Wer ein positives IDW-S-6-Gutachten in der Hand hat, handelt beweisbar sorgfältig

Die typischen Probleme in der Praxis

Problem 1: Die Zahlen stimmen nicht

Viele Unternehmen haben eine aktuelle BWA, aber keine belastbare Planung. Die erste Aufgabe im Konzept ist oft der Aufbau der integrierten Planung — und das kostet Wochen.

Problem 2: Der Unternehmer will nicht

Ein IDW-S-6-Konzept legt alle Schwächen offen. Managementprobleme, strategische Fehler, überteuerte Investitionen. Nicht jeder Unternehmer ist bereit, das zu akzeptieren. Wer blockiert, verhindert die Sanierung.

Problem 3: Der Sanierungszeitraum ist zu knapp

Ein Sanierungskonzept braucht typischerweise 12-24 Monate Umsetzungszeit. Wenn die Bank schon in 6 Monaten ausfinanziert, passt die Logik nicht. Dann braucht es zusätzliche Bridge-Lösungen oder einen Wechsel zum StaRUG-Verfahren.

Die Alternativen — und wann sie greifen

IDW S 6 ist nicht immer der richtige Weg. Bei akuter Zahlungsunfähigkeit ist oft ein direkter Schutzschirmantrag effektiver. Bei reinen Bilanzproblemen reicht häufig ein Kurzgutachten. Die Entscheidung sollte immer im Kontext fallen — das ist eine der ersten Fragen im Krisen-Schnellcheck.

Die drei nächsten Schritte

  1. Prüfen Sie, ob ein IDW-S-6-Konzept wirklich notwendig ist. Oft reicht ein Kurzgutachten oder ein Sanierungsgutachten nach anderen Standards (IDW S 11 für Schnelldiagnose).
  2. Wählen Sie einen erfahrenen Ersteller. Ein IDW-S-6-Konzept vom Berater ohne Sanierungspraxis ist schlechter als gar keines. Suchen Sie jemanden, der das schon 10+ Mal gemacht hat.
  3. Bereiten Sie die Unterlagen vor. Je besser die Datenlage, desto schneller und günstiger das Konzept. Wer einen sauberen 13-Wochen-Liquiditätsplan hat, spart Wochen. Der KoCon-Liquiditätsplaner (289 €) ist ein guter Start.

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